Interview mit Marco Prey zum Thema „Kommunikation zwischen Team, einzelnen Spielern und dem Coach?“

Das 5. Interview handelt von einem Thema, das in jeder Teamsportart und somit auch beim Basketball sehr wichtig ist. Wenn ein Team optimal funktionieren soll, muss auch die Kommunikation miteinander stimmen. Daher ist dies heute das Thema.

Martin: Hallo Marco, durch fehlende Kommunikation entstehen oftmals Probleme, die man durch ein rechtzeitiges Gespräch vielleicht nie gehabt hätte. Was sind deine Erfahrungen?

Marco: Hallo Martin. Da hast du dir ja ein recht schwieriges und sehr subjektives Thema ausgesucht. Bei diesem Thema gibt es nicht den einen richtigen Weg oder ein bestimmtes Schema, das man immer anwenden kann. Und das ist glaube ich auch der wichtigste Aspekt bei diesem Thema. Jeder Mensch ist anders, reagiert anders usw. Wenn man sich das als Coach klar gemacht und verinnerlicht hat, dann ist ein wichtiger Schritt getan. Aber nun zu deiner Frage. Meiner Meinung nach entstehen durch fehlende Kommunikation – zumindest auf dem Spielfeld – eher Missverständnisse. Ein Spieler denkt sich etwas, kommuniziert dieses nicht und ein anderer Spieler hat eine andere Idee, die er ebenfalls nicht kommuniziert. Das Ergebnis ist ein Missverständnis, da z.B. ein Fehlpass daraus resultierte. Ob man dieses als Problem klassifizieren kann, ist jedem selber überlassen. Jedoch führt eine fehlgerichtete oder missinterpretierte Kommunikation viel eher zu Problemen. Beispiel: Ein Spieler vergisst einen Block anzusagen. Zum Beispiel ruft der Kapitän eines Teams dem anderen Spieler zu er solle nun endlich anfangen zu verteidigen. Doch die Reaktion des Spielers ist, dass er beleidigt ist und nun auf „stur“ schaltet. Bei einem anderen Spieler hätte diese Aussage vielleicht den gewünschten Erfolg gehabt, da dieser sich in seinem Stolz gekränkt fühlt und nun alles gibt. Was bei dem einen als Appell an die Ehre funktioniert, kann bei jemand Anderem genau das Gegenteil bewirken. Über diese Auswirkungen und Unterschiede muss man sich als Spieler und vor allem als Coach im Klaren sein.

Martin: Fangen wir mal da an, wo es mit am Wichtigsten ist. Im Spiel muss das Team untereinander kommunizieren, Blöcke ansagen, Laufwege des Gegners ansagen, Hilfe anfordern, wenn man von der Offense geschlagen wurde oder einfach das nächste Setplay ansagen. Wie erreicht man es, dass ein Team im Spiel richtig miteinander kommuniziert?

Marco: Das ist einfach zu beantworten. Bei jedem Drill (und auch Trainingsspiel), den man dazu im Training macht, wird auf die Kommunikation geachtet. Auf die Einhaltung immer und immer wieder zu achten ist sicherlich Aufgabe des Coaches. Nach einer gewissen Zeit gehört z.B. das Ansagen eines Blockes genauso zum täglich Brot der Spieler wie das Verteidigen eines Blockes.

Martin: Ein wichtiger Zeitraum für Kommunikation im Spiel ist die Auszeit. Wie gestaltest Du sie? Was sagst Du und was sagst Du auf keinen Fall?

Marco: Bei Auszeiten reduziere ich die Informationen auf ein Minimum, da die Spieler unter großer Belastung standen und nicht in der Lage sind, viele Informationen aufzunehmen. Die ersten 10 Sekunden lasse ich meine Spieler auch erst mal durchatmen und was trinken. Dann erzähle ich maximal drei bis vier wichtige Punkte. Und dann vielleicht noch ein oder zwei Sachen direkt zu einem Spieler. Das war’s dann auch schon. Ein Aspekt ist bei mir als Coach aber immer konstant. Ich bin immer beherrscht und ruhig. Wenn es gut läuft, dann sage ich das meinen Spielern auch noch und noch deutlicher sage ich, dass sich keiner ausruhen darf und gebe neue, kleine Ziele vor, um das Team „bei der Stange zu halten“ oder weise auf die – wenn auch wenigen – Fehler hin, sodass keiner den Eindruck bekommt, es sei alles bestens. Wenn es schlecht läuft, dann brülle ich niemanden an oder dergleichen. Aber ich weise mit fester Stimme auf die Fehler hin, indem ich sage, wie man es besser macht. Ich halten niemanden Fehler vor und verschwende damit meine Auszeit. Denn die Fehler wissen die Spieler fast immer selber, aber nicht woran es liegt.

Martin: Eine weitere Möglichkeit, Spielern etwas mit auf den Weg zu geben, ist kurz vor der Einwechselung oder wenn sie vom Feld kommen. Was kann man in diesen Situationen zu Spielern sagen?

Marco: Ich beginne mal mit dem zweiten Teil der Frage. Wenn eine meiner Spielerinnen vom Feld kam habe ich ihr gar nichts gesagt. Höchstens kurze Sätze wie „Gut gemacht“, „Wird schon wieder“ oder „Gut verteidigt.“ Wenn die Spieler dann ein wenig Pause hatten und ich unbedingt noch was loswerden möchte (was nicht oft vorkam, da ich alles Wichtige an die gesamte Bank kommuniziere), dann bin ich zu der Spielerin hingegangen und habe ihr noch kurz etwas gesagt. Aber in den meisten Fällen ist das Coachen des Spiels wichtiger, als Zwei-Augen-Gespräche auf der Bank. Das wäre eine typische Aufgabe für einen Assistant-Coach.
Wenn eine Spielerin auf das Spielfeld geht, bzw. noch auf dem Einwechselstuhl sitzt, dann sage ich ihr noch mal die wichtigsten zwei Dinge oder beruhige Sie, je nach dem was angebracht war. Aber das kam ebenfalls nicht häufig vor, da wir uns lange genug auf den Gegner vorbereitet haben und wir in Auszeiten, Viertelpausen, der Spielvorsprechung usw. genug über die wichtigsten Aspekte gesprochen haben. Aber für motivierende Worte kann man diese Situation natürlich immer nutzen.

Martin: Wenn es gut läuft, dann geht vieles von selbst. Wenn es aber mal nicht so läuft, dann ist es wichtig, gut zu kommunizieren. Viele Spieler reagieren in solchen Situationen auf einmal völlig anders. Wenn sie unter Druck stehen, ist es schnell vorbei mit der gewohnten Ruhe und Souveränität. Wie reagiert man in solchen Situationen?

Marco: Wie ich schon sagte, bleibe ich selber immer die Ruhe selbst. Das muss ich auch nicht spielen, ich habe mir angewöhnt, ruhig zu bleiben, da ich dann besser und schneller nachdenken kann. Diese Ruhe empfanden meine Spielerinnen immer als sehr angenehm, insbesondere bei knappen Spielen. Natürlich bin ich auch mal laut geworden, aber immer kontrolliert. Ich bin nie ständig vor der Bank auf und ab gegangen, oder habe irgendwann mal überzogen emotional reagiert. Das hilft auch keinem weiter und gehört nicht zu dem Verhalten eines Coaches. Ich warf auch nie ein Taktikboard auf den Boden oder dergleichen. Man kann seinen Gefühlen auch anders Ausdruck verleihen. Nämlich mit ausgewählten Worten im richtigen Tonfall.
Wenn das Spiel also zu kippen droht, oder es schon dazu gekommen ist, und es nicht mehr, wie du sagst, von alleine läuft, dann wird eine Auszeit genommen und ich sage meinen Spielerinnen, wie wir nun das Problem lösen. Meist ist es am Wichtigsten mal wieder einen Korb zu erzielen und dazu verwende ich leichte Systeme oder ein „One on One“. Wenn das Team dann sieht, dass es doch noch funktioniert (Körbe erzielen), dann kommt das Selbstvertrauen zurück und alles andere an negativen Gedanken rückt in den Hintergrund.
Aber das geht nun schon über die Kommunikation und die eigentliche Frage hinaus.

Martin: Ist es sinnvoll für solche Situationen feste Rituale oder Regeln zu haben? Kann man eine Reaktion darauf planen?

Marco: Du meinst die Situation, wenn das Team einen Einbruch hat und es nicht mehr so rund läuft?

Martin: Ja, genau.

Marco: Da wird jeder Coach sicherlich sein eigenes Konzept oder Schema für haben. Er wird die Schwächen oder Fehler analysieren, notwendige Auswechselungen und Auszeiten nehmen usw. Die Frage ist nur, wie er sich dabei verhält und wie er dies seinem Team oder einzelnen Spielern näher bringt. Und das dürfte immer ein wenig anders sein. Teilweise muss es auch anders sein, um eine bestimmte Reaktion beim Team hervorzurufen und auch um zu verhindern, dass das Team die Reaktion als „Standard“ abtut und einer z.B. Ansprache oder Anweisung weniger Aufmerksamkeit schenkt.

Martin: Wie wichtig sind „Schlagwörter“ im Spiel und im Training, um die Kommunikation dort zu vereinfachen?

Marco: Sehr wichtig! Definitiv. In vielen Situationen, insbesondere im Spiel, hat man einfach nicht die Zeit, um „Reden zu schwingen“. Auch will man als Coach ja auch nicht ständig eine Auszeit nehmen, sondern Einfluss auf das Spiel nehmen, während es läuft.
Auch im Training helfen kurze Schlagworte um z.B. eine Übung nicht unterbrechen zu müssen. Das Wichtige an Schlagworten ist aber, dass unter einem Begriff wirklich jeder genau das Gleiche verstehen muss. Das ist mit Abstand das Wichtigste. Manchmal schleichen sich innerhalb einer Einheit Begriffe ein, wie z.B. „Rücken“, was in dieser Einheit „Du sollst beim Blockstellen mit dem Rücken zum Korb stehen“ heißt. Das Team wird also von nun an unter „Rücken“ immer das Gleiche verstehen. Wechselt man als Coach nun den Begriff, oder war sich dessen gar nicht bewusst, dann wird es zukünftig mit dem Schlagwort eher Probleme oder Missverständnisse geben.

Martin: Generell kann Kommunikation nur dann funktionieren, wenn klar ist, wer wann redet und dann auch alle anderen zuhören. Wer darf bei dir wann reden?

Marco: Während des Trainings und der Spiele darf jeder Reden. Das hört sich erst mal ziemlich befremdlich an, aber mein Team wusste genau, welches Reden damit gemeint und erlaubt war. Jeder wusste, dass er nicht über seine Erlebnisse vom Wochenende reden sollte und durfte. Bei einem neuen Team würde ich aber sagen, dass nur ich reden darf und die Spieler während des Drills oder eines Trainingsspiels, solange es sich um Basketball bezogene Kommunikation handelt. Fragen konnten immer vor einem Drill gestellt werden oder auch unauffällig zwischendurch (so, dass es andere nicht ablenkte). Für Saisonspiele galt im Prinzip das Gleiche.

Martin: Wichtig ist es insbesondere, dass jeder Spieler weiß, dass er bei Problemen, sei es im Team oder sei es ein Problem aus dem privaten Bereich, damit immer zum Coach kommen kann, um darüber zu reden. Nur wenn der Coach um die Probleme weiß, kann er auf diese reagieren oder diese berücksichtigen. Was ist deine Meinung dazu? Wie hast Du das in deinem Team gehandhabt?

Marco: Ich habe meinem Team freigestellt mit wem sie reden. Das muss ja nicht der Coach sein. Ich habe aber allen meine Hilfe bei Problemen angeboten. Sprich, jeder konnte sich an mich wenden. Manche haben das gemacht und manche haben einfach gesagt, dass sie momentan Probleme haben und im Training nicht immer zu 100% dabei sind (geistig). Und das ist ja auch OK. Wir haben als Coach kein Anrecht darauf, immer zu wissen, um welche Art von Problem und worum es sich genau handelt. Es ist nur wichtig, dass wir wissen, dass ein Spieler oder eine Spielerin ein Problem hat, damit wir uns sein oder ihr Verhalten erklären können.

Martin: Der schlechteste Fall ist, wenn ein Spieler Probleme mit sich herumschleppt, nicht darüber redet oder sich nicht traut, darüber zu reden. Meist stellt man das als Trainer durch ein verändertes Verhalten des Spielers fest oder, dass der Spieler häufig unmotiviert ist, oder seine Leistung nicht bringen kann. Was machst Du, wenn Du vermutest, dass ein Spieler von dir ein Problem mit sich herumträgt?

Marco: Ich frage direkt nach was los ist und biete meine Hilfe an. Wer Probleme besprechen wollte, hat das aber von sich aus gemacht. Da musste ich nicht großartig nachhaken. Und diejenigen, die ihre Probleme mit der besten Freundin oder den Eltern oder einer anderen Person besprechen, haben mir einfach die Info gegeben, dass momentan nicht sonderlich viel mit ihnen los ist.

Martin: Im Allgemeinen fällt unter das Thema Kommunikation nicht nur miteinander reden, sondern auch der Bereich E-mail, SMS und Telefonate. Wie eignen sich deiner Meinung nach diese Möglichkeiten für die Kommunikation zwischen Spieler und Coach?

Marco: Ja, deine aufgezählten Kommunikationsmöglichkeiten haben wir alle genutzt. Aber da gibt es auch gewaltige Unterschiede. Während meine Jugendcoaches sich von ihren Spielern anriefen ließen, die ein Training absagen wollten, habe ich auch eine SMS akzeptiert. Ich wusste bei meinem Team, dass nur die Leute nicht kommen, die auch wirklich verhindert waren. Im Jugendbereich ist die Hemmschwelle für eine SMS zu gering. Die ist schnell geschrieben und schon hatte man ein Training abgesagt. Ein Anruf, und mit dem Coach persönlich zu sprechen, erfordert aber mehr Mut und auch einen triftigen Grund. Von daher wäre ich bei „unpersönlichen“ Kommunikationsmöglichkeiten vorsichtig und würde diese erst zulassen, wenn ich mein Team genau kenne und umgekehrt.
Aber für z.B. die Information, dass sich ein Training verschiebt, habe ich immer eine Gruppen-SMS versendet.

Martin: Wie wichtig sind vier-Augen-Gespräche zwischen dem Coach und einzelnen Spielern?

Marco: Solche Gespräche sind mir sehr wichtig, da viele Spieler oder Spielerinnen vor der Gruppe nicht immer alles sagen. Außerdem lernt man in Vier-Augen-Gesprächen die Personen erheblich besser kennen, als in Gruppengesprächen. In den ersten Jahren habe ich mindestens zum Beginn jeder Saison Vier-Augen-Gespräche geführt. Später nicht mehr, da wir nach ein paar Jahren ein ganz anderes Vertrauensverhältnis zueinander hatten. Da habe ich oder eine Spielerin nur situationsbezogen Vier-Augen-Gespräche geführt, also immer dann, wenn es notwendig war.
Zusätzlich kann man in Vier-Augen-Gesprächen vor der Saison den Leistungsstand mit jedem Spieler besprechen. Das sind Informationen, die nicht unbedingt jeden was angehen. Die Unzufriedenheit Nummer 1 ist, dass ein Spieler der Meinung ist, zu wenig zu spielen und so was kann sehr viel Unruhe ins Team bringen. Durch Vier-Augen-Gespräche können sich Coach und Spieler über seine Rolle und seinen Leistungsstand usw. austauschen und damit Missverständnisse vorbeugen. Wie z.B. falsche Vorstellungen von Einsatzzeiten.

Martin: Ein Stichwort gehört mit Sicherheit auch zu dem heutigen Thema: Vertrauen. Nur wenn Vertrauen vorhanden ist, werden auch die wichtigen Sachen ausgesprochen oder besprochen. Wie wichtig ist das Vertrauensverhältnis zwischen Spielern und Coach?

Marco: Eigentlich ist es ausreichend, ein auf den Basketball bezogenes Vertrauen zu haben. Je höher man in den Ligen kommt oder sich im Profi-Bereich befindet, desto weniger hat man die Chance, ein darüber hinaus gehendes Vertrauensverhältnis aufzubauen, da die Verweilzeiten der Spieler oder Spielerinnen nicht lang genug sind. Aber grundsätzlich ist ein Vertrauensverhältnis, dass sich über den Sport hinaus erstreckt, eine schöne Sache. Als Coach sollte man aber immer darauf achten, dass der Respekt erhalten bleibt. Wird die ganze Beziehung zum Team zu vertrauensvoll, ist ein leistungsorientiertes Arbeiten nicht mehr möglich. Immerhin fügen wir z.B. beim Konditionstraining den Spielern eine Art von Schmerz zu. Und dabei darf uns niemand leid tun und keiner darf das Gefühl haben, dass er den Coach so gut kennt, dass man darüber noch mal verhandeln könnte.

Martin: Zum Schluss vielleicht noch die Frage: Was sind für dich die wichtigsten Momente im Basketball, wo es auf eine gute Kommunikation ankommt?

Marco: Knappe Spiele. Knappe Spiele zu bestreiten ohne eine Auszeit zu nehmen, ist ein purer Luxus. Wenn man mit seinen Spielern über Schlüsselworte ein Spiel steuern und entscheiden kann, dann – würde ich zumindest sagen – ist man ganz weit vorne.

Martin:
Vielen Dank für das Interview. Hat wieder viel Spaß gemacht.

Marco: Ich danke auch und obwohl das Thema sehr komplex ist und es auch schwer ist, mit wenigen Beispielen, wichtige Situationen zu beschreiben, so hoffe ich, dass der Leser trotzdem was für sich mitnehmen kann. Es lohnt auf jeden Fall immer sein Wirken als Coach zu überdenken und dieses zu optimieren.

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