Interview mit Marco Prey zum Thema „Deutsche Nationalmannschaft und Niveau des Basketballs in Deutschland“

Zukünftig sollen ein Mal im Monat in Interview-Form verschiedene Themen an dieser Stelle besprochen werden. So kann es, wie dieses Mal, ein eher allgemeines Thema sein oder in einem anderen Monat ein Interview zu einem Thema wie z.B. Konditionstraining oder Fastbreak. Da dieses Gespräch im Coach Bereich geführt wird, soll das jeweilige Thema auch immer aus Sicht eines Trainers beleuchtet werden. Interview-Partner ist Marco Prey, mit dem ich bereits Ende 2009 ein Interview auf dieser Seite zu seinem Buch „Basketball: Techniken, Taktiken und Übungen für die Jugendausbildung“ geführt habe. Natürlich darf bei diesem wie bei jedem weiteren Interview die Kommentarfunktion der Website genutzt werden. Das Interview ist auf mehrere Seiten aufgeteilt!

Martin: Hallo Marco, wir haben in den letzten Tagen besprochen für die Website basketball-drills.de in regelmäßigem Abstand bestimmte Themen zu besprechen. Zum Einstieg in diese neue Reihe möchte ich dich bitten, dich doch kurz den Trainern und Trainerinnen sowie Usern vorzustellen, die dich noch nicht kennen.

Marco: Hallo Martin, ich danke dir für die Einladung und freue mich als dein zukünftiger Interview-Partner mitwirken zu können. Zu meiner Person. Ich heiße Marco Prey, bin 36 Jahre alt und hauptberuflich kein Basketballtrainer, sondern Softwareentwickler und Projektleiter bei einer Kapitalanlagegesellschaft. Im Alter von 21 Jahren habe ich mit dem Coaching begonnen und blicke mittlerweile auf 10 Jahre  Coaching in der 1. und 2. Regionalliga zurück. In den letzten 5 Jahren habe ich vier Bücher über den Sport Basketball geschrieben, die sich primär an Coaches richten.

In den letzten 10 Jahren habe ich die SCN Seals trainiert und sehr viele schöne Momente, aber natürlich auch traurige Momente erlebt, wie das im Sport eben so kommen kann. Die schönen Momente überwiegen aber deutlich.

Martin: Aus noch recht aktuellem Anlass habe ich mich für das Thema „Deutsche Nationalmannschaft und Niveau des Basketballs in Deutschland“ für dieses Interview entschieden. Die Europameisterschaft ist seit einiger Zeit vorbei und Fakt ist, dass die deutsche Nationalmannschaft ihr selbst gestecktes Ziel nicht erreicht hat. Worin liegen für dich die Gründe, dass das Team von Dirk Bauermann nicht das Viertelfinale erreicht hat und somit auch nicht in den Kampf um die Olympiateilnahme eingreifen konnte? War das spielerische Potential nicht vorhanden im Vergleich zu den starken Gegnern?

Marco: Ob das spielerische Potential nicht vorhanden war, kann eigentlich nur der Bundestrainer beurteilen. Nur er weiß durch die Trainingseinheiten und Testspiele was die Mannschaft und auch jeder Einzelne leisten kann und wer sich in welcher Zeit verbessert hat oder auch nicht. Ein Turnier wie die EM ist eine Momentaufnahme, bei der z.B. alles passen kann und man unerwartet weit in dem Turnier kommt oder auch gar nichts zusammenläuft und das Team früh ausscheidet. Man sollte aber nicht Fehler begehen und die bei einem Turnier gezeigte Leistung verallgemeinern und sagen: Die sind ja alle richtig gut oder richtig schlecht. Es gibt ja auch noch Faktoren wie Tagesform, Wohlbefinden oder auch wie einem die Spielart des Gegners liegt.

Den Spielen nach zu urteilen glaube ich aber nicht, dass das Potential grundsätzlich nicht vorhanden ist. Aber zu einer genaueren Analyse werden wir ja sicherlich mit den nächsten Fragen kommen.

Martin: Das ist richtig. Hat das Team taktisch zu eindimensional gespielt, war es zu berechenbar? Was hat die Nationalmannschaft gespielt und warum hat es taktisch nicht gereicht?
Marco: Die Taktik ist ein guter Punkt. Sowohl in der Offense als auch in der Defense. Aber ich möchte zuerst etwas zur Offense sagen. Soweit ich alles mitbekommen habe, hat die deutsche Nationalmannschaft primär mit drei Systemen in der Offense gespielt. Leichte Abwandlungen mal außen vor gelassen. Das war zum Einen das High-Screen Pick & Roll. Ein Standard, den jedes Team spielen können sollte. Was mir daran nicht gefallen hat, sind zwei Dinge. Erstens wurde es viel zu oft gespielt und das System wird nicht effizienter, je öfter es gespielt wird. Als Quick-Hitter eingestreut, gegen Teams, die Blöcke schlecht verteidigen oder zum Ende eines Viertels eignet sich das System ganz gut. Aber in der Häufigkeit wie es die deutsche Nationalmannschaft praktiziert hat, ist es nicht erfolgsversprechend. Zweitens rollte der Block stellende Center immer sofort zum Korb ab, egal wie der Block verteidigt wurde. Der Guard, der den Block nutzte, hat immer zuerst auf den Center geguckt, statt erst für den eigenen freien Wurf zu gucken und dann den Center zu suchen. So wurden einige offene Würfe nicht genommen und die Punkte fehlten in der Endabrechnung.

Zum Anderen hat die deutsche Nationalmannschaft ihre Shooting Guards durch ein bis zwei Downscreens geschickt, um dann an der Dreierlinie einen freien Wurf zu bekommen. Meist für Heiko Schaffartzik.‘

Das kann man auch mal spielen, aber auch hier kommt es wieder auf die Häufigkeit an. Je öfter das System gespielt wurde, desto deutlicher wurde, dass die Defense am Shooting Guard dran blieb. Als Ergebnis kamen dann verteidigte Würfe oder gar keine Würfe mehr bei rum. Als drittes System (ich nehme vorweg, dass es keines ist) wurde noch „Gib den Ball Kaman im Mid-Post“ oder „Gib den Ball Nowitzki in der Nähe der Dreierlinie“ gespielt. Kaman, der eine sehr starke EM spielte, konnte sogar oftmals noch etwas aus diesen berechenbaren Situation machen, während Nowitzki ein ums andere Mal verteidigte Würfe nahm, die meist ihr Ziel verfehlten. Dass er überhaupt werfen konnte, verdankt er lediglich seiner Körperlänge. Aber da wurde definitiv zu viel von ihm erwartet. Auf europäischem Niveau gibt man nicht einem Spieler über 30 Minuten immer wieder den Ball und erwartet, dass er alleine etwas daraus machen soll.

Noch kurz eine Anmerkung zur Defense. Hier war besonders auffällig, dass die deutsche Nationalmannschaft teils eklatante Probleme hatte, Pick & Roll Situationen zu verteidigen. Mal gingen die geblockten Spieler „under“, also unter dem Block entlang, was Sinn macht, wenn der Block zwei oder mehrere Meter oberhalb der Dreierlinie gestellt wird, denn von dort wird keiner werfen, geschweigedenn eine gute Trefferquote haben. Oder die Spieler haben mal „Follow“ gespielt. Sie sind also dem Gegenspieler, der den Block nutzte, hinterhergelaufen. Meist hat hier der Center dann noch kurz ausgeholfen und dann ist die Defense komplett zusammengebrochen. Der Blocksteller war dann frei und von da an lief die Defense nur noch dem Ball hinterher.

Im Gegensatz dazu haben die Gegner der deutschen Nationalmannschaft viel mit der „Drag Option“ gearbeitet. Das zwang den Verteidiger in der Corner, sich entscheiden zu müssen: Entweder den Blocknutzer mit Ball, der in die Zone dribbelte, zu stoppen oder beim Dreierschützen in der Corner zu bleiben. Nur blieb der eben nicht da, sondern orientierte sich an der Dreierlinie weiter nach oben (Drag-Option). Während also der ballführende Spieler weiter Richtung Korb geht, entfernt sich der Shooting Guard vom Korb und macht es dem Verteidiger unmöglich, sich auf einer Linie zwischen ballführendem Spieler und Shooting Guard zu positionieren. Des Weiteren ist der Close-out zu dem Shooting Guard an der Dreierlinie zu weit, um den Wurf zu verteidigen.

Martin: Konnte man mit diesen (vorhandenen) Spielern nicht anders spielen?

Marco: Man kann immer. Die Frage ist, macht es Sinn? Ich weiß nicht ganz genau wieviele Trainingseinheiten das Team zusammen in der Vorbereitung hatte, aber meiner Meinung nach sollte taktisch schon mehr bei rausspringen als das, was wir alle gesehen haben. Von Nationalspielern kann man schon einen gewissen Basketball-IQ erwarten, der über ein High-Screen Pick & Roll hinausgeht. Ebenso von dem Coach.

Martin: Wurden für das taktische Konzept die richtigen Spieler mitgenommen? Manch einer hat sich gefragt, wenn man mit zwei Guards beginnt, Kaman und Nowitzki spielen, warum dann noch 3-4 lange Spieler auf der Bank saßen und nicht mit z.B. Per Günther ein weiterer Guard mitgenommen wurde?

Marco: Die Frage sollte viel eher lauten: „ Hat das taktische Konzept auf die Spieler gepasst, die der Bundestrainer nominiert und zur EM mitgenommen hat?“ Man sollte nicht Spieler für ein taktisches Konzept suchen, sondern ein taktisches Konzept erarbeiten, dass zu den Spielern passt. Ich kann ja nicht gute Spieler zu hause lassen, nur weil sie nicht in mein taktisches Konzept passen und dafür nehme ich dann schlechtere Spieler mit. Sicherlich gibt es bei dem Einen oder Anderen eine Ausnahme, aber grundsätzlich suche ich schon nach den besten Spielern und versuche dann mittels des taktischen Konzepts ihre Fähigkeiten in Szene zu setzen. Wenn z.B.: ein Spieler nicht mannschaftskompatibel ist, dann bleibt er zu hause, egal wie gut es ist. Warum der Bundestrainer sich nun so und nicht anders entschieden hat, weiß ich natürlich auch nicht. Da müsste man ihn schon selber fragen, denn orakeln wie viele andere möchte ich nicht. Vielleicht war er der Meinung bei diesem Turnier auf Länge setzen zu müssen oder wollte einem Per Günther nicht oder noch nicht das Vertrauen aussprechen.

Martin: Woran hat es den deutschen Spielern, Dirk Nowitzki und Chris Kaman mal ausgenommen, gefehlt, um sich zum Beispiel mit Europameister Spanien messen zu können?

Marco: Naja, Spanien ist noch mal eine andere Hausnummer. Aber man sollte sich schon fragen, warum wir gegen andere Teams nicht anders, erfolgreicher gespielt haben. Ich finde, dass die deutsche Nationalmannschaft zu limitiert gespielt hat. Wir haben viele gute und auch schnelle Guards, aber irgendwie hat keiner den Drang zum Korb zu gehen oder darf es nicht. Sicherlich wird man auch mal geblockt, aber man macht auch mal die Punkte oder wird gefoult. Und ein reines Jump-Shooting Team hat es immer sehr schwer zu gewinnen. Es fehlen die Punkte durch Freiwürfe, da bei Würfen aus dem Feld erheblich weniger gefoult wird, als in der Nähe des Korbes und das Team muss eine wirklich gute Quote aus dem Feld haben, um ein Mindestmaß an Punkten zu erzielen. Die deutsche Nationalmannschaft sollte flexibler agieren, als sie es bisher gemacht hat. Bedauerlicherweise geht die Flexibilität nur in eine Richtung: Lange Spieler Dreier werfen zu lassen. Es muss aber auch andersherum sein. Das ganze Spiel ist ohnehin zu dreierlastig. Man sollte die Spieler taktisch flexibel agieren lassen. Damit ist zum Beispiel gemeint, den Block abhängig vom Verhalten des Verteidigers zu nutzen und nicht immer auf die gleiche Art und Weise. Sie sollten motiviert werden und auch zum Korb zu gehen.

Martin: Welcher deutsche Spieler hat dir aus Trainersicht am besten gefallen und warum?

Marco: Chris Kaman, ganz eindeutig. Er hat das gemacht, was er kann und war eine echte Stütze im Team. Mit ihm im Rücken hätte man ganz anders am Ball verteidigen können, weil man weiß, dass er noch da ist und was retten könnte. In der Offense hat er hart für seine Punkte arbeiten müssen (mangelnde Einbindung in Systeme), aber er enttäuschte so gut wie nie. Auch Robin Benzing hat sehr gute Ansätze gezeigt und war teilweise schon ein echter Garant in der Offense.

Martin: Und welcher Spieler hat dich negativ überrascht?

Marco: Ach, wirklich negativ hat mich keiner überrascht. Wie oben schon gesagt, sind es Momentaufnahmen. Sicher war der Eine oder Andere nicht immer voll auf der Höhe oder durfte / konnte manche Sachen nicht, aber ich weiß nicht, ob das immer so ist. Sicherlich war Nowitzki nicht in Bestform, aber er musste sich fast alle Würfe selber erarbeiten und das kostet immens viel Kraft. Nach der Saison, die er gespielt hat, hat er auch das Recht müde zu sein. Ich fand eher negativ, was das Team spielte und nicht unbedingt wie. Man kann als Spieler einfach nicht gut aussehen, wenn man zum X-ten mal das gleiche System spielt.

Martin: Welcher Spieler hat dir bei der EM (von allen Teams) am besten gefallen und
warum?

Marco: Ich muss gestehen, dass ich weniger auf einzelne Spieler achte, als auf das Team insgesamt. Von daher kann ich leider keinen Spieler nennen, der mir sehr gut gefallen hat. Wenn ein Spieler in einem Spiel glänzen kann, dann liegt es meist nicht an ihm alleine, sondern dann hat das Team auch sehr gut mit oder auch für ihn gearbeitet. Mir hat aber gefallen, dass es Teams gab, die immer versuchen zum Korb zu arbeiten und die Defense somit permanent unter Druck setzten. Da haben sich des Öfteren schöne Situationen entwickelt.

Martin: Welches Team hat deiner Meinung nach taktisch am besten bei der EM agiert?

Marco: Bei der deutschen Nationalmannschaft achte ich auf Taktiken, bei anderen Teams genieße ich auch gerne einfach mal nur den Basketball, sofern ein gutes Spiel geboten wird. Da ist es mir dann auch egal, warum jemand so frei war. Ich erfreue mich dann einfach daran, dass es so war und ein schöner Abschluss daraus resultierte.

Aber wenn ich mich recht erinnere, hat Lettland in der Offense meist sehr klug agiert, ohne Superstars oder Größenvorteile zu haben. Ich werde beim nächsten Turnier hinschauen. Nun weiß ich ja, dass du mich fragen wirst (lacht dabei).

Martin: Warum sind andere Teams besser? Was muss in Deutschland besser/ anders gemacht werden, um da hinzukommen, wo zum Beispiel Frankreich oder Spanien bereits sind?

Marco: Um diese Frage zu beantworten, könnte man schon ein Buch schreiben, aber ich möchte zumindest ein paar Stichworte nennen, denn die meisten Gründe sind jedem mittlerweile wohl auch bekannt. Man benötigt eine bestimmte Masse, um daraus auch Klasse generieren zu können. Daran fehlt es momentan. Schule und Sport müssen miteinander vereinbar sein und wenn man sich für Basketball oder auch einen anderen Sport entschieden hat, dann muss man eben mit anderen Sachen auch aufhören. Es machen zu viele Kinder zu viele verschiedene Dinge gleichzeitig. Sprich mehrere Sportarten, dann noch ein Musikinstrument usw. Nur wenn die unteren Ligen wieder quantitativ aufgefüllt werden und Konkurrenz entsteht, die nicht nur aus 2-3 Teams pro Liga besteht, wird sich das auch weiter nach oben durchsetzen. Vor einer Saison wurden hier in Norddeutschland aus drei 2. RLN Damen-Ligen zwei Ligen gemacht, weil das Niveau so stark abnahm und damit die Oberligen wieder gestärkt werden sollten. Letztlich bleibt es aber auch nur ein rumdoktorn an den Symptomen. Bevor ich aber die Leser langweile, möchte ich an dieser Stelle einfach mal auf den für mich wichtigsten Punkt kommen. Und das ist die Qualität der Coaches. Nur wenn es geschafft wird, in den Jugendligen gute Coaches zu engagieren, dann werden auch gute Spieler hervorkommen. Und das ist momentan nicht der Fall. Jeder, der als Coach neu beginnt, bekommt erst einmal ein junges Team. Frei nach dem Motto: Soll er erst mal Erfahrung sammeln und da kann er ja auch nicht viel „kaputt“ machen. Die Spieler können ja eh noch nichts. Eigentlich sollte es andersherum sein. Mit dem vermeintlichen Flagschiff eines Vereins, meist ein Herren- oder Damenteam in der Landesliga oder Oberliga, sollte ein junger Coach beginnen. Er kann von den Spielern noch etwas lernen und die Spieler sind alle schon länger dabei. Da gilt viel eher das Argument, dass er da nichts „kaputt“ machen kann. Okay, das war jetzt etwas übertrieben, aber ich denke ich konnte so Einiges verdeutlichen. Optimalerweise hospitiert oder auch assistiert ein neuer Coach für eine Saison bei einem guten Coach und sammelt bei ihm seine Erfahrungen. Vielleicht auch noch eine zweite Saison. Und dann bekommt der junge Coach ein eigenes Team.

Dann müssen sich Coaches, insbesondere neue Coaches, fortbilden. Damit ich meine ich nicht das veraltete Lizenzmodell von den Verbänden, mit denen sich gut Geld verdienen lässt, sondern Hospitationen bei anderen Coaches oder Coaches-Clinics, die sich auch an deren Bedürfnisse orientieren. Was soll sich ein Coach einer mnl. U16 von einem Pro A Coach erklären lassen, was die für eine secondary Offense spielen? Das interessiert ihn überhaupt nicht und muss es auch nicht. Fazit: Wir brauchen mehr Coaches mit der Bereitschaft, ein guter Coach zu werden. Ich habe da noch ein ganz passendes Beispiel. Diese Saison ist meine erste Saison, in der ich nicht als Coach tätig bin. Aber es hat sich kein einziger (Jugend-)Coach gemeldet und gefragt, ob ich mal in sein Training kommen könnte, um ihm vielleicht ein paar Tipps zu geben. Viele scheinen zu erwarten, dass plötzlich einer klingelt und sagt „Hier bin ich, wie kann ich helfen“. Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen, dass das nicht passieren wird. Man muss sich selber helfen. Ich habe z.B. 2,5 Jahre bei Ewald Schauer hospitiert und ihm später assistiert. So habe ich mich dann zum Techniktrainer ausgebildet oder ausbilden lassen und hatte die Möglichkeit zu sehen, wie er mit Nationalspielerinnen arbeitet. Hätte ich darauf gewartet, dass Herr Schauer bei mir klingelt, würde ich wohl heute noch warten.

Martin: Auch wenn das im Nachhinein immer einfach ist zu sagen: Was hättest Du an Stelle von Dirk Bauermann vielleicht anders gemacht?

Marco: Ich hätte andere Taktiken einstudieren lassen, die den Spielern aber noch erlauben, eigene Entscheidungen zu treffen (mehr Zug zum Korb). Ich hätte Regeln für die Blockbekämpfung festgelegt und auf deren Einhaltung geachtet und in der Defense hätte ich des Öfteren eine Zonenverteidigung eingestreut. Ob das besser gewesen wäre weiß ich auch nicht. Dazu muss man mit dem Team arbeiten und dann gucken wie gut die Systeme klappen.

Martin: Was machen andere Länder anders? Gibt es Beispiele, an denen sich Deutschland orientieren kann?

Marco: Ich bin da eher der Spezialist für die U.S.A. und die haben natürlich den Vorteil, dass ihr System von Highschool / College in Kombination mit Sport beides an einem Ort zusammenbringt und aufeinander abgestimmt ist. Man wird hier sicherlich nicht das ganze Bildungssystem über den Haufen werfen, nur um dem Sport gerechter zu werden. Aber es läuft wohl auf Sport-Internate hinaus, die Bildung und Sport aufeinander abgestimmt anbieten. Letztlich würde mehr Engagement auch schon was bringen. Schule-Verein-Kooperationen und ein gut organisierter Sportverein mit guten Coaches. Ob das aber mit dem Ehrenamt zu realisieren ist, wage ich zu bezweifeln. Man wird sich wohl früher oder später Gedanken darum machen müssen, hauptamtliche Trainer zu beschäftigen. Wenn man Spitzensportler produzieren möchte, dann kostet das meist auch was. Und kostenlose oder fast kostenlose gute Trainer scheint es immer weniger zu geben.

Martin: Auf welche Dinge muss bereits im Jugendbasketball geachtet werden, damit zum Schluss ein guter Spieler, der es vielleicht mal in die Bundesliga oder gar in die Nationalmannschaft schaffen kann, herauskommt?

Marco: Ganz wichtig: Er muss verletzungsfrei bleiben! Ich habe schon einige SpielerInnen gesehen, die auf Grund von Verletzungen auf der Strecke blieben. Auch darauf hat ein Coach einen gewissen Einfluss. Wer etwas erreichen möchte, der muss auch adäquat medizinisch betreut werden. Des Weitern braucht dieser Spieler einen guten Coach und was auch sehr wichtig ist: Ein gutes Team, in dem er immer gefordert wird. Gleiches gilt natürlich dann auch für die gegnerischen Teams. Mit der Einführung der Jugendbasketballbundesligen hat sich dahingehend ja schon mal was getan, auch wenn einige sich das finanziell einfach nicht leisten könnten. Primär steht in der Jugend natürlich die technische und athletische Ausbildung im Vordergrund, später verlagert sich dies und Taktiken werden wichtiger. Ohne Basketball verstanden zu haben, wird man nicht in der Bundesliga spielen und bestehen können.

Martin: In Spanien spielen die Talente bereits mit 18 oder 19 Jahren in der 1. Liga. In Deutschland ist das die absolute Ausnahme. Ist das ein Grund, warum unsere Spieler es viel schwerer haben an das Niveau bei einer EM zu kommen, um mitzuspielen?

Marco: Glaube ich nicht. Wichtiger ist, dass unsere deutschen Spieler überhaupt mal in der Bundesliga spielen. Ob das nun mit 18 oder 21 der Fall ist, sollte nicht so entscheidend sein. Wenn ein Spieler nicht mehr in der NBBL spielen kann, könnte er noch 1-2 Jahre in der Pro A spielen, dort wichtige Erfahrungen sammeln und dann in der BBL spielen. Aber wir haben ja nicht mal genug Spieler, die mit 21 oder 22 in der BBL spielen. Ich glaube jeder wäre froh, wenn die Spieler in dem Alter reif für die Liga wären, egal ob das in Spanien teilweise schon mit 18 oder 19 der Fall ist.

Aber es gehört eben auch immer ein gewisser Mut dazu, junge Spieler einzusetzen. Und diesen Mut muss der Coach aufbringen. Andererseits muss er aber auch die Spiele gewinnen, da sonst sein Arbeitsplatz gefährdet ist. Es wird ja keiner nach acht Niederlagen sagen: „Aber er hat der Jugend immer eine Chance gegeben, also behalten wir ihn“. Zwischen diesem Szenario und der jetzigen Situation ist aber noch ein wenig Luft. Ich denke, dass es schon möglich ist, deutsche Spieler mehr einzusetzen ohne gleich Gefahr zu laufen, ein Spiel zu verlieren. Dazu kommt noch, dass ein Coach sich in der BBL in den seltensten Fällen nach dem Training noch mal die Zeit nimmt, um Talente zu fördern. Eigentlich müsste es, wenn man deutsche Spieler integrieren möchte, noch einen Assistant geben, der mit diesen Spielern gezielt weiter arbeitet und sie weiter ausbildet. Der Sprung aus der NBBL direkt in die BBL ist ein großer und den macht so gut wie keiner. Somit muss in der Pro A und Pro B eben weiter ausgebildet werden, nur auf anderem Niveau.

Martin: Wie ist dein Standpunkt allgemein zum Thema „Niveau im deutschen Basketball“?

Marco: Das Niveau hat in den letzten Jahren, zumindest in den Regionalligen hier in Norddeutschland, abgenommen. Eine Ausnahme ist da vielleicht noch die 1. RLN Herren und in Teilen die 1. RLN Damen. Aber was die 2. RLNs angeht, ist das Niveau teils erheblich schlechter geworden. Wenn ich mit meinem Team Testspiele oder im Pokal gegen Teams aus der 2. RLN gespielt habe, dann haben wir nicht selten mit 30 Punkten Vorsprung gewonnen, teilweise sogar mehr. Daran kann man schon erkennen, dass der Unterschied zwischen den leistungsorientierten Ligen und den unteren Ligen zugenommen hat. Und ich konnte auch feststellen, dass die Coaches der gegnerischen Teams schlechter waren als noch ein paar Jahre zuvor. Ich hoffe, dass es sich in den nächsten Jahren wieder anders, besser entwickeln wird.

Martin: So, dann sind wir auch schon am Ende unseres ersten Interviews. Ich danke dir für die Zeit und fand es sehr interessant.

Marco: Ich danke auch und freue mich auf das nächste Thema und eine weitere Gesprächsrunde mit dir.

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