Interview mit Marco Prey zum Thema: Crunchtime –wie verhält man sich bei knappen Spielen?

Das heutige Thema der monatlich erscheinenden Interviewreihe heißt „Crunchtime –wie verhält man sich bei knappen Spielen?“. Nicht jedes Spiel, aber doch einige pro Saison sind knappe Spiele und entwickeln sich manchmal sogar zu nervenzerreißenden Partien. Außer der Nervenstärke gibt es noch viele weitere und wichtige Faktoren auf die es ankommt, wenn es drauf ankommt. Diese sollen heute näher beleuchtet und erörtert werden.

Martin: Hallo Marco. Die Saison geht bald wieder los und daher habe ich mir das obige Thema ausgesucht. Vielleicht kann der Eine oder Andere ja noch wertvolle Tipps in sein Training einbauen oder ist bei knappen Spielen nach dem Lesen des Interviews besser vorbereitet.

Marco: Hallo Martin. Ja, ich finde das Thema auch zeitlich sehr passend und freue mich darauf mit dir darüber reden zu können.

Martin: Ich beginne als Einstieg in das Thema mal mit der folgenden Frage: Lassen sich knappe Spiele in irgendeiner Art und Weise eigentlich vermeiden?

Marco: Ja, klar. Man muss nur erheblich besser spielen als sein Gegner oder eben wesentlich schlechter. Auf beides hat man Einfluss (grinst dabei). Nein, Spaß bei Seite. Knappe Spiele lassen sich wohl in den seltensten Fällen vermeiden, wobei ich da auch zwischen unnötig knappen Spielen und erwartet knappen Spielen unterscheide.

Martin: Was meinst du damit?

Marco: Unnötig knappe Spiele sind bei mir meist Spiele gegen Gegner, die eigentlich schlechter sind, aber auf Grund einer schlechten Tagesform, Verletzungen während des Spiels mit Spielerausfall oder ähnliches bei meinem Team gestaltet sich das Spiel als sogenannte „knappe Kiste“.
In den seltensten Fällen kann das auch andersherum passieren. Mein Team ist der Underdog und kann das Spiel knapp gestalten.
Die erwartet knappen Spiele sind gegen Gegner, die einem ebenbürtig sind und wo man aus der Historie schon weiß, dass das meist enge Spiele waren.

Martin: Hast du dazu vielleicht jeweils ein Beispiel, um das zu veranschaulichen?

Marco: Klar. In der 1. Regionalliga haben wir gegen Wolfenbüttel in einer Saison einmal mit einem Punkt nach Verlängerung gewonnen und einmal mit einem Punkt ebenfalls nach Verlängerung verloren. Das ist ein erwartet knappes Spiel. Gegen Göttingen haben wir hingegen immer mit ca. 25 Punkten verloren. Was im Nachhinein betrachtet noch ein ganz gutes Ergebnis war, denn nach dem Aufstieg in die 2. DBBL hat Göttingen in der Saison 2011 / 2012 im Finale um die Meisterschaft gespielt.

Martin: Und warum unterscheidest du nun in die beiden Kategorien?

Marco: Wenn ein Spiel erwartet knapp wird, dann wird jeder Coach in der Trainingswoche zuvor schon darauf hinweisen und das Eine oder Andere im Training anders machen bzw. versuchen, das Team darauf vorzubereiten. Bei den unnötig knappen Spielen unternehmen die meisten Coaches jedoch nichts und sind dann unvorbereitet, wenn es plötzlich eng wird. Generell muss man diese Entscheidung nicht machen, da ich die Meinung vertrete, dass ein Team immer wissen muss, was zu tun ist, wenn ein Spiel knapp wird. Von daher thematisiere ich das regelmäßig in meinem Training und lasse dazu beispielsweise „Last-Minute-Situation Games“ spielen. Das heißt, dass ich eine bestimmte Situation vorgebe.
Ein Beispiel: Team A hat Einwurf an der eigenen Grundlinie, liegt 5 Punkte hinten und es sind noch 1:30 Minute zu spielen. Die Teamfoulgrenze ist bei beiden Teams bereits erreicht und jedes Team hat noch eine Auszeit. Dann lasse ich mein Team spielen, während ich nur als Schiedsrichter fungiere. Nach dem Spiel setzen wir uns zusammen und analysieren das Geschehene. Bei einem neuen Team, das so was nicht kennt und nicht exakt weiß, was es tun soll, würde ich natürlich vorher alles erklären und dann auch während des Spiels eingreifen. Aber mein Team wusste, was zu tun ist und ich empfand es nie als nachteilig, wenn es in dieser Situation auf sich alleine gestellt ist. Manchmal ist die Halle auch so laut, dass in diesen Situationen Anweisungen vom Coach auf dem Feld nicht mehr gehört werden können.
Aber zurück zu deiner Frage. Der Unterschied zwischen unnötig und erwarteten knappen Spielen ist der wichtige Punkt. In den erwarteten knappen Spielen liegt der Schlüssel zum Sieg in der Taktik, der Umsetzung des Gameplans und im Allgemeinen in einer guten Vorbereitung auf den Gegner. Bei den unnötig knappen Spielen ist die psychologische Komponente der wichtigste Faktor für den Sieg. Das eigene Team weiß, dass es besser ist. Eigentlich. Und genau dann fangen viele Spieler an, an sich zu zweifeln, werden unsicher und dann kommt ein Underdog ins Spiel und wittert seine Chance. Hier muss man als Coach das eigene Team wieder auf Kurs bringen, es aufbauen, von seinen Qualitäten überzeugen und durch z.B. bestimmte Taktiken für Erfolgserlebnisse auf dem Feld in Form von Korberfolgen sorgen.

Martin: OK, verstehe. Was kann man denn als Coach alles im Training mit seinem Team machen, um es auf knappe Spiele vorzubereiten?

Marco: Das für mich wichtigste Instrument waren die „Last-Minute-Situation Games“. Die kann man auch schon mit unerfahrenen Teams machen, allerdings muss man da noch mehr von der Seitenlinie unterstützend eingreifen. Jeder Spieler im Team sollte wissen, dass man innerhalb von 4 Sekunden mit Ball von Freiwurflinie zu Freiwurflinie dribbeln kann und dass zwei Dribblings in etwa einer Sekunde entsprechen. Denn in den Spielen ist man nicht immer in der Lage ständig auf die Uhr zu schauen, gerade dann nicht, wenn das gegnerische Team presst. Bei vielen Teams sehe ich immer wieder, dass unnötig früh geworfen wird, da das Zeitmanagement nicht funktioniert.
Des Weiteren kann man die Einwurfsysteme gezielt üben, da diese ein Garant für schnelle Punkte sein können, wenn das eigene Team Einwurf unter dem gegnerischen Korb hat.

Auch kleine Tricks, wie das Einrollen des Balles beim Einwurf um Zeit zu sparen, sollte ein Team verinnerlicht haben. Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass das eigene Team nicht nur gegen die Zeit, sondern auch mit der Zeit spielen kann. Dazu gab es bei mir eine einfache Regel. Wenn wir keinen 1 gegen 0 Korbleger erzielen können, z.B. weil das gegnerische Team presst, um den Rückstand zu verkürzen, dann gehen wir kein Risiko ein und spielen so gut es geht die Zeit runter.
Dabei ist es ganz wichtig den Ball schnell gegen eine Presse in das Vorfeld zu bringen, um die 8 Sekunden im Rückfeld zu vermeiden. Es passiert sonst immer wieder, dass sich ein Team im eigenen Rückfeld zu viel Zeit lässt und dann in Panik ausbricht. Dabei passieren Turnover, die oftmals in Punkte vom gegnerischen Team verwandelt werden, weil der Turnover noch in der eigenen Spielfeldhälfte geschah. Das Schaubild rechts verdeutlicht durch die Turnover Areas die Bedeutung. Ein Turnover in der roten Area ist meist gleichbedeutend mit einem Gegenkorb (zu ca. 80%).
Ein Turnover in der gelben Area ist schon nicht mehr ganz so verheerend. Die Wahrscheinlichkeit eines Gegenkorbes liegt hier bei ca. 35%. In der grünen Area ist das Team, das den Ball verloren hat, meist in der Lage diesen Fehler durch schnelles Zurücklaufen und Verteidigen auszubügeln. Die Wahrscheinlichkeit eines Gegenkorbes, der noch in direktem Zusammenhang mit dem Turnover steht, liegt nur noch bei ca. 5%.

Befindet sich der Ball im Vorfeld, muss er meist gegen großen Druck der Verteidigung eine bestimmte Zeit lang gehalten werden. Nun kann man nicht einfach den Ball von Einen zum Anderen passen, zumal auch jeder Pass ein Risiko mit sich bringt. Um gegen eine enge Verteidigung die Zeit weiter runter zu spielen, haben wir mit Hilfe von Blöcken (Downscreens) ein Passviereck aufgebaut und in diesem den Ball bewegt.
Bei einer switchenden Manndeckung haben wir etwas länger auf jeder Position gedribbelt und damit die Anzahl der Pässe reduziert. Zudem ist der Blocksteller nach dem Block immer gleich in Richtung Freiwurflinie gecuttet und konnte dort meistens frei angespielt werden.
Wenn nur noch 5-7 Sekunden auf der Uhr waren, haben wir einen High-Screen Pick & Roll gespielt oder ein anderes System, das zu einem schnellen Abschluss führte.

Martin: Da muss ich noch mal ganz kurz nachfragen. Du sagtest, wenn ein 1 gegen 0 Korbleger nicht möglich ist, dann verzichtest du auf die Punkte, richtig?

Marco: Ja, genau. Wenn ich als Coach einmal festgelegt habe, dass wir genug Punkte haben, dann muss man auch der Verlockung leichter Punkte widerstehen können. Meist sind die Situationen nicht so eindeutig, wie man erst denkt oder das eigene Team läuft in eine Trap des Gegners und bevor man sich versieht, wird der ballführende Spieler gedoppelt.

Martin: Wann sind denn genug Punkte erzielt? Gibt es da eine Regel oder einen Leitsatz?

Marco: Nein, bedauerlicherweise nicht. Als grober Richtwert sind 10 Punkte bei 3 Minuten Restzeit eigentlich ausreichend, aber das hängt auch immer vom Spiel ab. Wenn das ein Lowscoring Game ist, in dem es die ganze Zeit schon schwer war Punkte zu erzielen, dann können 10 Punkte bei 3 Minuten Restzeit mehr als genug sein. Bei einem Highscoring Game kann es durchaus sein, dass 10 Punkte absolut nicht ausreichend sind. Des Weiteren hängt viel davon ab, wie gut das Team, das in Führung ist, die Zeit ausspielen kann, also wie gut das Zeitmanagement funktioniert.
Für den Coach ist es noch wichtig Spiele zu antizipieren. Dabei handelt es sich vielmehr um simple Arithmetik unter der Annahme von bestimmten Werten. Ich z.B. gehe davon aus, dass ein Team, wenn es die Zeit ausspielen will, im Schnitt bei ca. 18-20 Sekunden zum Abschluss kommt. Ein Team, das dagegen schnelle Punkte braucht, setze ich mit ca. 8-10 Sekunden an.
Daraus ergibt sich für mich, dass bei einer Restspielzeit von 3 Minuten jedes Team noch ca. 6-7 Ballbesitze hat. Den 7. Ballbesitz vernachlässige ich mal als Fehlwurf, um die Rundungsdifferenz zu beseitigen. Aus 6 Ballbesitzen sind also maximal 18 Punkte zu erzielen. Ich gehe von 15 Punkten aus, da nicht in jedem Angriff ein Dreier geworfen wird. Bei einer Trefferquote von 60% wird das Team mit dem Rückstand also noch ca. 9 Punkte erzielen. Daher auch meine obige „Regel“: 10 Punkte bei 3 Minuten Restzeit sind meist genug Punkte. Je nach Restzeit kann man sich schnell errechnen wie viele Ballbesitze noch in etwa wahrscheinlich sind und wie viele Punkte daraus ungefähr resultieren können. Außerdem ist davon auszugehen, dass das Team, das in Führung ist in den verbleibenden 3 min. noch 2-4 Punkte erzielen wird. Entweder weil die Presse überspielt wird, im Set-Play oder an der Freiwurflinie durch „Stop-the-clock Fouls“.

Martin: Was genau gehört für dich alles zum Thema Zeitmanagement dazu?

Marco: Zum einen das Zeitmanagement für Spieler. Wie spiele ich die Zeit runter? Wann muss ich eine Aktion zum Korb starten, also bei wie viel Restzeit? Und so weiter.
Das Zeitmanagement beim Coach setzt sich aus vielen Aspekten zusammen. Einer davon ist den Zeitpunkt zu finden, wann man genug Punkte erzielt hat. Welche Taktik, auch in der Defense, zu welcher zeitlichen Situation auf dem Feld passt. Wann nehme ich meine Auszeiten usw.?
Ich denke im Verlauf des Gesprächs werde ich noch einige Beispiele nennen können.

Martin: Ja, das stimmt. Dann wollen wir jetzt so langsam mal in medias res gehen. Ein Teil des Themas heißt Crunchtime. Wann beginnt die Crunchtime? Sind damit immer die letzten 2-3 Minuten gemeint?

Marco: Also bei unseren Spielen gegen Wolfenbüttel begann die Crunchtime schon mit dem Anpfiff des Spiels. Bei einem Spiel mit ca. 15 Führungswechsel und einer max. Führung von höchstens 5 Punkten ist für mich immer Crunchtime. Es gibt auch Spiele, die sich nicht erst in den letzten 3 Minuten entscheiden, sondern zum Ende des dritten Viertels oder zum Anfang des letzten Viertels. Von daher würde ich sagen, kann die Crunchtime jederzeit im Spiel auftreten. Wichtig ist es nur, diese auch als solche zu erkennen. Ich sehe immer mal wieder Spiele in denen bis zum dritten Viertel der Spielstand immer relativ knapp ist und dann plötzlich hat ein Team einen Lauf und versucht das Spiel frühzeitig für sich zu entscheiden. Viele Coaches scheuen sich dann davor ihre zur Verfügung stehenden Auszeiten zu nehmen. Und zum Ende des letzten Viertels haben sie dann noch zwei Auszeiten, liegen aber z.B. 12 Punkte hinten und können nun ohnehin nicht mehr gewinnen. Manchmal gibt es eben Spiele, in denen man alle Auszeiten nehmen muss, damit es in der 37. Minute noch Siegchancen gibt. Und dann ist es wieder stark von Vorteil, wenn ein Team weiß, was es zu tun hat. Da man als Coach in speziell dieser Situation eben keine Auszeiten mehr hat. Hätte man sie aber nicht genommen, dann wäre es womöglich gar nicht erst zu diesem knappen Spiel mit Siegchance gekommen.

Martin: Spätestens seitdem die deutsche Nationalmannschaft gegen die Türkei nach Verlängerung verloren hat, weil sie zum Ende der regulären Spielzeit nicht gefoult hat und die Türken noch den Dreier zum Ausgleich erzielen konnten, weiß jeder, wie er sich in dieser Situation verhalten soll. Gibt es noch andere – ich nenne sie mal – „Standard-Situationen“?

Marco: Ja, das war schon ein eklatanter Fehler. Aber man sollte auch nie vergessen, dass bei allen Beteiligten die Nervosität, der Druck usw. eine große Rolle spielen.
Ein paar typische Standards fallen mir sicherlich noch ein. Wir hatten z.B. mal die Situation, dass wir mit einem Punkt führten, bei 0,8 Sekunden Restzeit und eine meiner Spielerinnen hatte zwei Freiwürfe. Sie hatte dann beide getroffen und der gegnerische Coach nahm eine Auszeit, danach gab es Einwurf Mittellinie und das gegnerische Team hatte noch 0,8 Sekunden für einen Dreier zum Ausgleich. Es kam dann nur noch ein „Verzweifelungswurf“ ohne große Trefferwahrscheinlichkeit. Im nachhinein stellte ich fest, dass ich falsch gecoacht habe. Wir führten mit einem Punkt bei 0,8 Sekunden Restzeit und hatten zwei Freiwürfe. Ich hätte meiner Spielerin nur sagen müssen, dass sie den zweiten daneben werfen soll. Dann wäre der Ball im Spiel gewesen, es hätte keine Auszeit gegeben und keinen Einwurf an der Mittellinie. Die Lösung wäre erheblich besser gewesen. Daraus habe ich gelernt.
Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, und das ist immer eine gute Idee bei dieser Art von knappen Spielen, die Auszeit immer vor dem anderen Coach anzukündigen, auch wenn man sie nicht braucht. Aber man verhindert dadurch, dass dieser mit einer eigenen Auszeit den Einwurf an der Mittellinie bekommt, sondern nur regulär an der eigenen Grundlinie.
Kommt es zu sogenannten „Stop-the-clock Fouls“, dann kann man immer einen Werferwechsel durchführen. Zum einen kann man damit einen etwaigen Fast Break des Gegners unterbinden und man kann einen Spieler auf das Parkett schicken, dessen Stärken in der Verteidigung liegen.
Des Weiteren sollten bei „Stop-the-clock Fouls“ immer Spieler den Ball bekommen, die nervlich am belastbarsten sind und eine hohe Freiwurfquote aufweisen. Somit sollte man also darauf achten, dass immer mindestens 3 Spieler auf dem Feld sind, die stark von der Linie werfen.
Möchte man das Spiel langsamer gestalten, weil man in Führung ist, dann sollte man darüber nachdenken, ob man nicht auf eine Zone umstellt. Gegen eine Zone braucht der Gegner meist mehr Zeit um eine Aktion zum Korb zu starten, als gegen eine Manndeckung. Auch ist die Zonenverteidigung weniger foulanfällig.
Braucht ein Team unbedingt kurz vor Schluss einen Dreier (z.B. bei Restzeit < 10 Sekunden und 2 Punkten hinten), um ein Spiel noch zugewinnen, lohnt es sich immer eine switchende Manndeckung zu spielen.
Es ist so fast unmöglich einen freier Dreier rauszuspielen.

Martin: Als nächstes möchte ich noch näher auf das Thema Auszeiten eingehen. Wann lohnt es sich eine Auszeit zu nehmen, bzw. wann muss man eine nehmen?

Marco: Das ist eine gute Frage. Da wir leider nicht die Möglichkeiten von College Coaches haben, denen bedeutend mehr Auszeiten zur Verfügung stehen, müssen wir mit unseren 2 bzw. 3 Auszeiten schon gut haushalten. Aber wie ich oben schon sagte, kann es jederzeit notwendig sein, eine Auszeit zu nehmen. Wenn überhaupt, dann weiß nur der Coach eines Teams wann er eine nehmen muss und wann nicht. Z.B. als taktisches Mittel, um einen Einwurf an der Mittellinie zu verhindern oder um einen Lauf des gegnerischen Teams zu verhindern oder um seinem Team neue taktische Anweisungen mitzugeben. Aber ein Patentrezept gibt es da nicht und letztlich gehört auch immer viel Intuition dazu. Manchmal ist es auch durchaus ratsam, bewusst auf eine Auszeit zu verzichten. Das kann dann von Vorteil sein, wenn der gegnerische Coach keine Auszeiten mehr hat und man selber möchte nicht, dass er seinem Team noch neue Anweisungen erteilen kann.
Bei Spielen, in denen wir knapp in Führung waren, habe ich oftmals auf eine Auszeit verzichtet, da ich wusste und auch sah, dass mein Team im Spiel drin ist und alleine die richtigen Entscheidungen treffen konnte. Ich verzichtete dann auf die Auszeit und gab meinem gegenüber damit nicht mehr die Chance, zu seinem Team in Ruhe sprechen zu können.
Eines möchte ich noch erwähnen. Eine Auszeit sollte optimalerweise immer nach einem Ereignis genommen werden und nicht vorher. Beispiel: Es ist ein Foul gepfiffen worden und es gibt zwei Freiwürfe. Wer vor den zwei Freiwürfen eine Auszeit nimmt, der muss seinem Team sagen, was es machen soll, wenn nur ein Wurf trifft, wenn beide treffen und wenn keiner trifft. Die Auszeit nach den Freiwürfen zu nehmen hat den Vorteil, dass das Resultat des Ereignisses feststeht und der Coach seinem Team jetzt nur noch eine Taktik erklären muss. Alles andere könnte ein Team sich ohnehin nicht merken.

Martin: Vorhin ist der Begriff „Stop-the-clock Fouls“ bereits gefallen. Wann sollte man damit anfangen?

Marco: Man könnte auch noch fragen, wer damit anfangen soll. Ich habe schon Teams gesehen, die knapp in Führung waren und schnell gefoult haben, um den letzten Ballbesitz wieder für sich zu haben, um das Spiel zu entscheiden. Das hat den Vorteil, dass man meist jemanden foulen kann, der ein nicht so guter Freiwurfschütze ist, da das gegnerische Team nicht damit rechnet und dass ein Dreier auch nicht mehr möglich ist. Ist immer mal wieder eine Überlegung wert.
Generell möchte ich aber schon mal vorweg schicken, dass Teams, die mit „Stop-the-clock Fouls“ arbeiten müssen, nur in etwa 10% der Fälle noch das Spiel gewinnen. Denn meist geht die Rechnung nicht auf. Auf der einen Seite stehen relativ sichere Punkte durch Freiwürfe und auf der anderen Seite schnelle Punkte durch hastige Würfe.
Ich beobachte immer mal wieder, dass einige Teams viel zu spät mit mit „Stop-the-clock Fouls“ anfangen. Wenn man z.B. mit 7 Punkten hinten liegt und es noch ca. 2 Minuten zu spielen sind, dann sollte man schon darüber nachdenken, damit zu beginnen.
Nun wird natürlich jeder sagen: 2 Minuten sind eine lange Zeit im Basketball und mit zwei Dreiern ist man wieder im Spiel. Ich halte dagegen und sage, dass 2 Minuten aber für beide Teams eine lange Zeit sind und 10 Punkte bei noch 1:40 Minuten hört sich schon gar nicht mehr so gut an, wenn man nur einen Dreier kassiert und selber keine Punkte in einer Offense erzielt. Außerdem haben wir gelernt, dass 2 Minuten im Schnitt nur 4 Ballbesitze sind, also max. 12 Punkte.
Jedenfalls bringt es gar nichts bei noch 1 Minute Restzeit auf den Dreier zu hoffen und dann vielleicht mit 9 Punkten Rückstand erst mit „Stop-the-clock Fouls“ zu beginnen. Des Weiteren darf man nicht vergessen, dass das gegnerische Team vielleicht eine „Soft-Press“ spielt. Also eine Presse, die nur zum Ziel, hat den Spielaufbau zu verlangsamen. Und damit würde einem noch mehr Zeit verloren gehen, um den Rückstand zu verkürzen.

Martin: Du sagtest eben, dass andere argumentieren würden, dass das Team mit zwei Dreiern wieder im Spiel wäre. Der Dreier ist doch eigentlich eine gute Wahl, um einen Rückstand aufzuholen, oder wie siehst du das?

Marco: Klar ist er das. Wenn man trifft. Aber zu viele Teams legen zu viel Wert auf Dreier und verlassen sich förmlich darauf. Sie gewinnen mit einer guten Quote und verlieren mit einer schlechten Quote. Der Dreier ist wichtig, sollte aber nicht oder nur sehr selten spielentscheidend sein.
Immerhin gibt es ja auch noch Zwei-Punkt-Spiele oder mit Foul den „altmodischen Dreier“. Ich habe mal ein Spiel in der 2. DBBL gesehen, in dem ein Team mit 5 Punkten, bei noch 1:23 Minuten Restzeit und Ballbesitz, hinten lag und jetzt damit begann völlig panisch Dreier zu werfen. Das Spiel hat das Team natürlich verloren. Es war genug Zeit sich mit Zug zum Korb und einer guten Defense wieder ranzuarbeiten. Ich persönlich ordne Dreier nur an, wenn es mit Zwei-Punkt-Spielen gar nicht mehr geht. Sicherlich dürfen meine Spieler auch so freie Dreier nehmen, aber sie sollen es nicht darauf anlegen und in der Offense nur für einen Dreier spielen.
Jedenfalls war am nächsten Tag in der Pressemitteilung zu lesen, dass das Spiel knapp war und zum Schluss das Wurfglück fehlte. In Wirklichkeit hat der Coach mit seiner verfrühten Anordnung Dreier zu werfen das Spiel gegen die Wand gefahren. Alles muss zu seiner Zeit geschehen und Dreier waren zu dem Zeitpunkt nicht notwendig.

Martin: Wie viel ist Kopfsache bei knappen Spielen und wie viel das rein sportliche Können?

Marco: An der Freiwurflinie ist das sicherlich am meisten Kopfsache oder Nervenstärke. Das ist schon mal klar. Generell würde ich sagen, dass es eine Mischung aus Beidem ist. Abhängig davon, ob es ein „unnötig knappes Spiel“ oder „erwartetes knappes Spiel“ ist, kann das Eine oder das Andere überwiegen. Wir haben vor Jahren in der 2. Regionalliga mal ein Spiel mit einem Punkt verloren, obwohl wir zu Beginn des letzten Viertels mit 18 Punkten führten. Hier war das nur noch Kopfsache, aber ich habe es nicht geschafft, mein Team wieder auf Kurs zu bringen und mental zu stabilisieren. Vom rein sportlichen Können her waren wir dem Gegner überlegen. Letztlich ist aber jede knappe Partie immer belastend für alle Beteiligten und Nervosität, konditionelle Erschöpfung usw. bilden mitunter ein tödliches Gemisch. Das muss man als Coach auch immer im Auge haben und frühzeitig dagegenwirken.
Allerdings gibt es immer wieder Coaches, die hektisch und teilweise sogar cholerisch an der Linie agieren und damit ihr Team eher noch verunsichern.
Ich habe mal ein 1. DBBL Spiel gesehen, in dem der Coach, der mit seinem Team hinten lag, ständig mit den Schiedsrichtern reden wollte und jede Entscheidung diskutieren wollte. Teilweise hat er fast die Hälfte seiner eigenen Auszeit damit verbracht, die Schiedsrichter dazu zu bewegen mit ihm zu reden. Hätte er sich um sein Team gekümmert, hätte vielleicht ein Sieg daraus resultiert. So begann sein Team auch vermehrt mit den Schiedsrichterentscheidungen zu hadern, verlor die Konzentration und damit das Spiel.

Martin: So, wir könnten wahrscheinlich noch Stunden über jede denkbare Situation sprechen, aber wir müssen zum Ende kommen. Daher nur noch eine letzte Frage. Wie wichtig sind Buzzer-Beater? Muss man so etwas extra trainieren?

Marco: Du meinst kurze Systeme, mit denen ein Spiel kurz vor Ende entschieden wird?

Martin: Ja, genau.

Marco: Also, ich habe mir je nach Situation eines schnell überlegt. Abhängig davon, wie viel Zeit noch übrig, wie viele Punkte benötigt werden (Zweier oder Dreier) und welche Spieler noch spielberechtigt waren. Aber generell kann es nicht schaden, wenn man als Coach ein paar Systeme in der Tasche hat und bei Bedarf aus dem Hut ziehen kann. Ich möchte abschließend aber noch erwähnen, dass die meisten knappen Spiele nicht mit einem Wurf in letzter Sekunde entschieden werden, sondern bereits vorher.

Martin: Nun ist die Zeit aber wirklich vorbei. Ich danke dir für das Interview und bis zum nächsten Mal.

Marco: Ich danke auch und bis zum nächsten Mal wieder.

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