Interview mit Marco Prey zum Thema: „Offense“

Im heutigen Interview soll das Thema Offense besprochen werden. Immerhin macht die Offense 50% des Spiels aus und darf damit nicht vernachlässigt werden, auch wenn es heisst: „Defense wins Championship“.

Martin: Hallo Marco, so wie ich dich kenne, wird das heute sicherlich ein Feuerwerk an Offensesystemen, oder?

Marco: Hallo Martin. Ich würde sagen, dass das ganz stark von deinen Fragen abhängt, die du zu diesem Thema hast (grinst dabei).

Martin: Na gut, dann schauen wir mal, wie sich das entwickelt und was mir noch spontan an Fragen einfällt. Da zur Offense nicht nur die typischen Systeme im Angriff gehören, sondern auch Press Breaks und Einwurfsysteme, möchte ich mal mit der folgenden Frage starten. Wenn man für jede dieser Situationen ein System hat, dann wird das sicherlich zu wenig sein. Wie viele Systeme hattest du in deinem Team insgesamt in der Offense?

Marco: Puuh, da muss ich mal kurz durchzählen… Wir hatten 2 Einwurfsysteme (bei Einwurf von der Grundlinie) gegen Zone, 3 Einwurfsysteme (bei Einwurf von der Grundlinie) gegen Manndeckung, 1 Press Break gegen eine Mannpresse, 1 Press Break gegen Zonenpresse, 1 System gegen Zonenverteidigung (Anmerkung: Zone Offense von Duke, die auch auf der Coaches Clinic hier in Ennepetal vorgestellt wurde) und 7 Systeme gegen eine Manndeckung.

Martin: Und warum 7 Systeme gegen Manndeckung und nur 1 System gegen eine Zonenverteidigung?

Marco: Wir hatten ganz am Anfang 3 oder 4 Systeme gegen Zonenverteidigung, bis ich die Duke Offense gegen Zone gesehen und erlernt habe. Von da an gab es nur noch das eine System gegen Zone.

Martin: Und gegen Manndeckung gab es keine Möglichkeit mit nur einem System zu agieren?

Marco: Nein, leider nicht. Die Prinzipien einer Offense bei einer Zonenverteidigung sind immer die Gleichen. Eine Manndeckung ist zu variabel, kann zu unterschiedlich gespielt werden und hat auch immer andere Miss-Matches bzw. bietet andere Möglichkeiten, um sie zu knacken.
Mann könnte natürlich so was wie eine Dribble Drive Motion Offense spielen und versucht damit jeden Gegner zu knacken. Das würde aber voraussetzen, dass das eigene Team im Dribbling immer besser ist, als die Defense dieses verteidigen kann. Auch eine Open Post Motion Offense wäre möglich, letztlich limitiert man sich und sein Team damit aber unnötig.

Martin: Beginnen wir mal bei den Jugendteams. In einer U12 oder U14 kann man schlecht so viele Systeme einführen. Wie sollte da gespielt werden?

Marco: Systeme im eigentlichen Sinne machen da auch wenig Sinn. Die individuelle Ausbildung ist noch lange nicht abgeschlossen und in den Jahrgängen sollten Schnelligkeit und andere Fertigkeiten entscheidend sein. Meist gewinnt ja das Team, dass insgesamt besser Dribbeln kann oder insgesamt schneller ist, als das gegnerische Team. Ansonsten würde ich, um die so genannte „Traubenbildung“ zu verhindern, eine 5-Out Aufstellung etablieren, damit die Kids sich nicht ständig in den eigenen Weg laufen und auch Pässe über ca. 4m möglich sind. Wenn immer alle um den Ball herumtänzeln, dann macht ein Pass, oder eigentlich ist es ja vielmehr nur noch eine Ballübergabe, keinen Sinn, da der Ballempfänger auch nicht besser positioniert ist. Später kann man dann ja ein kleines Rotationsprinzip einführen und so wächst das Team mit der Offense im Laufe der Zeit.

Martin: Und in Sachen Einwurfsystemen? Sollte es da was geben?

Marco: Genau die gleiche Aufstellung, also 5-out, und dann soll der Schnellste oder zwei bestimmte Spieler zum Korb schneiden. Das kann der Coach festlegen wie er das möchte. Grundsätzlich sollten die Kids sich primär mit Basketball beschäftigen und instinktiv handeln und nicht vor jeder Handlung ständig nachdenken müssen, was denn nun zu tun ist.

Martin:
Und ab der U16 werden dann Systeme eingeführt?

Marco: Das kann man so pauschal nicht sagen. Das hängt auch immer davon ab, auf welchem Niveau die Kids spielen oder in welcher Liga. Auch entscheidend ist, wann die Kids angefangen haben Basketball zu spielen. Wenn eine U10 auch in der U16 nahezu unverändert zusammen geblieben ist, dann sollte sie einen recht guten Stand haben und man kann schon ein paar Systeme einführen. Aber auch nur dann, wenn diese helfen. Meist ist es aber so, dass sie eher stören und das Spiel langsamer wird. Das sollte vermieden werden. Wenn ein Team ständig neue Leute bekommt und ohnehin erst in der U14 mit dem Basketball begonnen hat, dann machen Systeme in der Offense überhaupt gar keinen Sinn.

Martin: Könnte man die Systeme nicht gänzlich weglassen und nur instinktiv spielen?

Marco: Das ginge sicherlich auch, aber das würde voraussetzen, dass das Team jahrelang in ein und der derselben Konstellation zusammen gespielt hat. Systeme stellen ja auch eine Art Abkürzung beim Zusammenspiel dar. Spieler, die sich noch nicht gut kennen, wissen nicht, wie der andere in bestimmten Situationen läuft. Durch die festgelegten Abläufe können Missverständnisse vermieden werden. Und in höheren Ligen, in denen die individuellen Fähigkeiten wie z.B. Schnelligkeit auf einem Level sind, kann auch das bessere System entscheidend sein.

Martin: Ich möchte nun mal umschwenken und etwas detaillierter werden. Wie könnte ein Press Break gegen eine Mannpresse aussehen? Sprich, welche Ansätze sind da erfolgsversprechend?

Marco: Das hängt stark davon ab, was für eine Presse der Gegner spielt. Wenn bereits der Einwurf verhindert werden soll, dann wird man meist um Blöcke nicht drum herum kommen.
Ist der Ball im Spiel, so ist die einfachste Variante einen Clear-out zu spielen. Das heißt, dass der Spieler mit Ball diesen alleine nach vorne bringt und alle anderen Mitspieler schnell nach vorne laufen. Damit kann der ballführende Spieler nicht mehr gedoppelt werden, da die Offense die restliche Defense mit in das Vorfeld gezogen hat. Nun muss der ballführende Spieler aber besser im Dribbling sein, als sein Gegner dieses verteidigen kann. Ein großer Nachteil ist die Tatsache, dass im Falle eines Steals immer ein 1 gegen 0 Korbleger daraus resultiert. Sollte der ballführende Spieler den Ball aufnehmen, weil er sich z.B. verdribbelt hat, dann wäre auch kein Mitspieler in der Nähe, den er anpassen könnte. Es müsste erst ein Spieler aus dem Vorfeld zurücklaufen. Das Problem daran ist, dass sein Gegenspieler dem Ball näher ist, da er sich zwischen Gegenspieler und Ball positioniert hat. Damit ist es ihm möglich den Passweg deny zu verteidigen. Zum anderen kann es sein, dass das offensive Team es nicht schafft, den Ball innerhalb der vorgeschriebenen 8 Sekunden ins Vorfeld zu bringen.

Eine häufig gespielte Presse ist die im Schaubild abgebildete Variante. In der NBA wurde – oder wird vielleicht auch immer noch – diese Variante „Shadow“ gennant. Nach dem Einwurf von O2 zu O1 verteidigt X1 den ballführenden Spieler zur Seitenlinie und treibt ihn sozusagen nach vorne. Da der Einwerfer sich nicht in Luft auflösen kann und ebenfalls ins Vorfeld laufen wird, macht sich X2 diesen Umstand zu nutze und läuft nach dem Überqueren der Mittellinie zu X1 rüber, der sich nach Überschreiten der Mittellinie vor O1 positioniert hat. Dort trappen X1 und X2. O2 muss das Trapping rechtzeitig ansagen, nämlich dann, wenn X2 bereits auf dem Weg zu X1 ist und O1 spielt, bevor er sich im Trapping befindet, den Ball zu O2. O2 macht nach Ballerhalt Druck auf den Korb und kann so im 4 gegen 3 abschließen. Abhängig davon, wo der Schwerpunkt der Presse liegt, muss sich der Press Break die Schwachpunkte zu nutze machen. Ein Press Break mit mehreren Optionen, die je nach Presse gespielt werden können, sollte hier das Mittel der Wahl sein.

Martin: Und so einen Press Break hattet ihr sicherlich?

Marco: Ja, genau. Wir konnten mit unserem Press Break auf jede Art von Trapping reagieren und zu dem war der Press Break so ausgelegt, dass fast immer ein Überzahlspiel möglich war.

Martin: Na gut, das führt nun aber zu weit und ich habe noch andere Fragen notiert, die ich gerne stellen möchte. Macht es überhaupt Sinn Einwurfsysteme in seinem Team zu etablieren? Man könnte doch den Ball einfach einwerfen und spielt dann ein normales Set Play.

Marco: Das ist richtig. So könnte man das machen, aber die Position von wo der Ball eingeworfen wird, ist ja schon ziemlich korbnah und das sollte man sich auch zu Nutze machen. Zudem dauert ein gutes Einwurfsystem nur einen, max. zwei Pässe lang und ein Set Play meist erheblich länger. Wenn dann auch noch die Shot Clock bei <5 Sekunden steht, kann man froh sein ein Einwurfsystem zu haben.

Martin: Braucht man gegen jede Zonenverteidigung ein anderes Einwurfsystem?

Marco: Ja und Nein. Es gibt ein paar einfache Einwurfsysteme, die gegen jede Zone gespielt werden können. Ansonsten verhält sich jede Zone aber nicht unbedingt gleich und benötigt daher ein anderes Einwurfsystem.

Im Schaubild nebenan sind zwei einfache Möglichkeiten aufgeführt, wie man gegen eine Zonenverteidigung bei Einwurf an der Grundlinie agieren kann.
Wenn der Ball an der Grundlinie ist, ist eigentlich jede Zone wie eine 2-3 Zone positioniert. Diesen Umstand kann man sich beim Entwerfen von Einwurfsystemen zu Nutze machen. Die erste Möglichkeit ist ein langer Pass entlang der Grundlinie zu dem Shooting Guard O2. Dieser Pass ist oft möglich, da die Weakside der Zone extrem absinken müsste, um diesen Pass zu verhindern. Das wiederum hat aber zur Folge, dass die Mitte sehr offen ist und damit anfällig für Cuts ist. Eine andere Variante ist den Center O5 anzupassen, da die Defense sich hinter O5 positionieren wird. Es steht ja momentan auch kein weiterer offensiver Spieler in der Corner, so dass es nicht nötig ist, weiter raus zu verteidigen. Nachdem O5 den Ball erhalten hat, geht O3 schnell an die Dreierlinie in die Corner und bekommt den Ball von O5 für z.B. einen freien Wurf zurück gepasst. Sollte nun ein Verteidiger von oben aushelfen und O3 verteidigen, dann wird der Ball zu O1 angepasst, O4 geht an die Dreierlinie heraus, bekommt den Ball und passt diesen weiter zu O2, der frei in der Corner steht. Durch das Aushelfen eines oberen Spielers aus der Zone können nicht mehr alle Spieler an der Dreierlinie verteidigt werden. Die Zone wird dann klassisch ausgepasst.

Martin: Interessante Aspekte, die du hier nennst. Ich werde das mal mit meinem Team ausprobieren. Aber nun weiter zur nächsten Frage. Hast du so etwas wie ein „Lieblingssystem“, also eines, von dem du sehr viel hältst und das sehr erfolgversprechend ist?

Marco: Ja, einige. Es hängt dann aber von dem Team, Liga usw. ab, welches ich dann zum Einsatz kommen lasse. So pauschal habe ich keines, das für alles und jeden passt.

Martin: Magst du denn eines davon vorstellen?`

Marco: Klar, kann ich machen.
• Download des Set-Plays:  system_vs_mtm

Martin: Ich könnte noch viele Fragen stellen und das Thema Offense bietet sich ja auch förmlich dazu an weit auszuholen, aber das sprengt den Rahmen. Und diese Interviews haben nicht den Anspruch allumfassend zu sein, sondern sie sollen vielmehr inspirieren und zum Nachdenken anregen oder einfach nett zu lesen sein.
Heute vor knapp einem Jahr startete unsere Reihe und nach nunmehr 12 Interviews zu vielen interessanten Themen kommen wir zum Ende. Ich möchte mich ganz herzlich bei dir Marco bedanken, dass du dir die Zeit genommen hast und etwas von deinem Wissen mit uns geteilt hast. Es war immer sehr lustig und vor allem inhaltsreich.

Marco: Ich danke dir auch Martin und ich kann sagen, dass es mir auch immer Spaß gebracht hat. Sollte es noch mal eine Fortsetzung geben, dann bin ich wieder mit dabei.

 

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*